Erfahrungen aus Malsch
7 Monate ohne eigenes Auto
Ein Bürgerexperiment in Malsch "Autofrei im Alltag"
Ein Bürger macht den Test
Hallo! Wie geht's? Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben!
Danke, es geht gut. Natürlich nehme ich mir gerne die Zeit für meine schöne Heimatgemeinde Malsch!
Wie lange leben Sie schon in Malsch? Wie alt sind Sie? Wie ist Ihre derzeitige Lebenssituation bezüglich Beruf und Wohnen?
Ich bin „Mälscher“, hier geboren und aufgewachsen. Beruflich habe ich allerdings rund 40 Jahre in einigen Großstädten und Ballungsräumen gelebt. Seit 2020 lebe ich wieder fest in Malsch – und das sehr gerne.
Ich bin Elektroingenieur – ein sehr interessanter Beruf. Kann ich empfehlen. Mittlerweile bin ich in der Regelaltersrente, da ich Jahrgang 1959 bin.
Ich habe gehört, dass Sie bereits sieben Monate auf ein eigenes Auto verzichtet haben. Stimmt das?
Jein. Das war so, aber seit zwei Wochen habe ich wieder ein schönes Elektroauto. Das kann ich mit meiner PV-Anlage kostengünstig laden – klimafreundlich und netzdienlich.
Was war Ihre Motivation? Nachgehakt: Wieso ist Ihnen das wichtig? Woher kommt Ihr grundsätzliches Interesse an Klima- und Ressourcenthemen?
Ich habe das jetzt zum dritten Mal in meinem Leben getestet, jeweils etwa sechs Monate lang.
Ich habe die Ölkrise der frühen 1970er-Jahre miterlebt. Das hat viele Denkprozesse angestoßen, die mich mein ganzes Leben begleitet haben. Ein prägendes Erlebnis.
Mir liegt die Schonung der endlichen Ressourcen am Herzen, also auch das Energiesparen.
Allerdings mit Augenmaß und nicht um jeden Preis.
Mit dem Wegfall der Fahrten zum Arbeitsplatz habe ich jetzt wieder einmal auf das Auto verzichtet.
Sie richten doch – statistisch gesehen – quasi nichts aus. Ist das nicht wie ein Tropfen auf den heißen Stein? Warum machen Sie das trotzdem?
Ja, das ist so. Deutschland kann den Klimawandel nicht verhindern, Baden-Württemberg nicht, Malsch nicht und ich allein schon gar nicht. Deshalb sollten wir auch nicht unsere Industrie, unseren Wohlstand und damit den sozialen Frieden opfern. Das wäre ein großer Schaden für uns – ohne nennenswerten Nutzen für die Menschheit.
Aber ich kann meinen bescheidenen Teil zur Ressourcenschonung beitragen und mich etwas einschränken, ohne dabei auf zu viel verzichten zu müssen.
Wie war das für Sie? Größere Einkäufe oder andere Transporte? Vor- und Nachteile? Körperlich? Zeitaufwand?
Mit einem Pedelec klappt das meiste in Malsch recht gut. Wir haben ja die wichtigsten Geschäfte vor Ort, eine gute Infrastruktur, kurze Wege und einen moderaten Straßenverkehr.
Mit Packtaschen, Rucksack und notfalls einem kleinen Anhänger kann man etliches bewegen.
Was war schwierig? Was war gut? Wie haben Sie sich damit gefühlt? Woran mussten Sie sich am meisten gewöhnen? Was war für Sie die größte Umstellung oder Herausforderung? Waren Sie fitter und ausgeglichener oder eher genervt? Bei welcher Situation haben Sie am meisten gemerkt, wie sehr unsere Region auf das Auto ausgelegt ist?
So groß war die Umstellung für mich nicht. Ich hatte ja schon früher das Rad für die meisten innerörtlichen Fahrten genutzt. Im Sommer geht das prima. Bei Regen und im Winter kann es schon mal lästig werden.
Ich halte Lebensmittel für einige Tage im Vorrat, dann ist man auch recht flexibel.
Der Transport von langen und sehr schweren Gegenständen ist allerdings schwierig.
Generell ist Malsch für Radfahrer recht gut geeignet, finde ich. Und für Freizeitfahrten können wir zwischen Ebene und Bergwald wählen. Sehr angenehm. Ruckzuck ist man in der Natur.
Der Straßenverkehr in Malsch ist moderat, und das Miteinander zwischen Auto-, Rad- und Fußverkehr klappt meist sehr gut. In meinen Augen besser als z. B. in Karlsruhe. Dort scheinen sich viele Radfahrer für unverwundbare Helden und Herrscher der Straße zu halten und fahren sehr forsch und gefährlich.
Manchmal muss oder will man aber auch an Orte fahren, die der ÖPNV nur spärlich bedient. Dabei bleibt dann eine Menge Zeit auf der Strecke. Und wenn mehrere Umstiege erforderlich sind, verläuft die Fahrt oft anders als geplant.
Wo waren Sie inkonsequent?
Ich hatte ja kein eigenes Auto vor der Tür. Also blieben nur das Rad, der ÖPNV und der Shuttle.
Was machen Sie heute anders als vorher? Wie sah Ihr Alltag mit Auto früher aus?
Der Hauptunterschied ist, dass ich das Auto früher für die Fahrten zum Arbeitsplatz benötigt habe. Das wird vielen so gehen. Auf der Heimfahrt habe ich dann oft auch die Einkäufe erledigt.
Die Fahrten zum Arbeitsplatz sind bei mir entfallen. Das Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressourcen ist geblieben.
Gab es einen konkreten Moment, an dem Sie beschlossen haben: „Ich probiere das jetzt wirklich“?
Ich habe das ja mittlerweile schon dreimal in meinem Leben getestet. Und jetzt war mit dem Eintritt in den sogenannten Ruhestand wieder eine gute Gelegenheit. Die Fahrten zum Arbeitsplatz fielen weg. Das war sehr hilfreich.
Gibt es Veränderungen, die Sie sich wünschen?
Wenn es in Deutschland Robotaxis gäbe, wäre es für viele wesentlich einfacher, auf das eigene Auto zu verzichten. Auch hier gilt: Der technische Fortschritt hilft mehr als politische Gängelungen.
War das auch eine wirtschaftliche Entscheidung?
Nicht primär, aber auch. Autos sind teuer, wenn man das ehrlich rechnet. Moderne Pedelecs allerdings auch. Die kosten mittlerweile ebenfalls mehrere tausend Euro. Da muss man viel fahren, um auf einen guten Kilometerpreis zu kommen.
Mein altes Pedelec ist Modelljahr 2010. Nicht elegant, nicht so modern und nicht so kräftig. Aber es reicht bisher für meine Zwecke. Nur die Ersatzteile werden leider knapp.
Nach Karlsruhe hin und zurück – mit Anhänger und ohne E-Bike?
Mit Pedelec. Das ist ja der eigentliche Schlüssel.
Der Umstieg aufs Rad erfolgt weniger durch politische Gängelungen, sondern durch technische Entwicklung. So ist das ja meistens.
Eine wissenschaftliche Untersuchung sagt, dass 43 % der Pedelecfahrten (und 63 % der Strecken) früher mit dem Auto stattgefunden hätten. Das Pedelec ermutigt also zum Umstieg auf das Rad. Und die Pedelecfahrer lassen sich laut dieser Studie auch nicht so leicht von unzureichender Radinfrastruktur abschrecken wie die Fahrer von Biobikes.
Und das Beste: Die Menschen machen das freiwillig, auf eigene Kosten, auf eigenes Risiko – und freuen sich auch noch dabei! Die Politik muss nichts erzwingen und niemanden vergrämen. Ein Selbstläufer, Win-win!
Quellen:
https://www.mobilitaetsforum.bund.de/DE/Themen/News-RADar/_texte/Studie_E-Bikes-ersetzen-Autofahrten_2025.html
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/15568318.2025.2533307#abstract
Was bräuchten Sie noch, damit es für Sie funktionieren könnte, ohne eigenes Auto zu leben? Wäre Carsharing (offizieller Anbieter) oder vielleicht ein gemeinsames Auto im Freundeskreis eine Option für Sie?
Vielleicht einmal in Zukunft, wenn die Sharing-Flotte über gute und zuverlässige Assistenzsysteme verfügt. Die möchte ich nicht mehr missen.
Eine Anhängerkupplung für den Fahrradträger ist mir auch noch wichtig.
Oder wenn es Robotaxis in Deutschland gäbe. Allerdings könnte ich die dann nicht mehr mit meiner PV-Anlage laden.
Hat sich Ihr Blick auf Mobilität oder auf die Gemeinde verändert?
Mein Blick auf die Mobilität in Malsch hat sich eigentlich nicht verändert. Ich hatte ja schon früher die innerörtlichen Fahrten weitgehend mit dem Rad oder zu Fuß gemacht.
Und als Auto- und Radfahrer übt man täglich die gegenseitige Rücksichtnahme.
Allerdings hat sich mein Blick auf die Bahn verändert. Die Züge sind moderner, die Fahrpläne dichter und die Fahrradmitnahme ist viel besser möglich geworden. Die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit habe ich allerdings recht durchwachsen erlebt.
Ich spinne das jetzt einmal weiter: Wenn künftig deutlich mehr Menschen in Malsch ihre täglichen Wege mit dem Fahrrad statt mit dem Auto erledigen würden: Welche Voraussetzungen bräuchte es dafür? Und wie würde sich das Ihrer Meinung nach auf Verkehr, Zusammenleben und Lebensqualität in der Gemeinde auswirken?
Nach meiner Wahrnehmung erledigen in Malsch schon viele Menschen die lokalen Fahrten mit dem Rad. Das Pedelec macht es möglich – das ist der Schlüssel.
Ich finde es gut, wenn man alle Rollen kennt und wahrnimmt: Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer. Das fördert das Miteinander und das gegenseitige Verständnis. Und in Malsch geht das recht gut, wie ich meine. Besser, als ich es z. B. in Karlsruhe erlebe.
Viele Menschen brauchen das Auto für den Weg zur Arbeit oder aus gesundheitlichen Gründen. Deshalb fände ich es bedauerlich, wenn Malsch irgendwelche Gängelungen oder Vergrämungen gegen den Autoverkehr einrichten würde.
Wir haben hier nicht die Verkehrsprobleme von Karlsruhe, Stuttgart oder Frankfurt. Also brauchen wir auch nicht deren Lösungen wie vierspurige Einfallstraßen oder Fahrradschnellwege.
Man sollte keine Probleme lösen, die man nicht hat. Genießen wir einfach die Übersichtlichkeit und „Ländlichkeit“ von Malsch.
Gibt es noch weitere Dinge, die Sie machen, um Ressourcen zu sparen und CO₂ einzusparen?
Ja, klar!
- Die CO₂-Last meiner privaten Flugreisen beträgt ca. 12 kg CO₂ pro Lebensjahr. Wir leben hier in einer sehr schönen Gegend und können unseren Urlaub und unsere Freizeit recht regional verbringen. Gerade vorgestern bin ich z. B. in die schönen Weinberge von Oberachern geradelt. Demnächst geht es wieder ins schöne Eyachtal.
- Auch habe ich eine PV-Anlage installieren lassen. Natürlich mit Speicher, weil mir das sinnvoll erschien – trotz der vielen Gegenstimmen der „Experten“ damals. Mittlerweile denken diese auch besser über Speicher.
- In Vorbereitung der künftigen Umstellung der Heizung auf eine Wärmepumpe habe ich langsam und schrittweise die Vorlauftemperatur der Heizung reduziert, bis die Grenzen merklich werden. Das können viele Hausbesitzer auch einmal testen. Dann kann man die Wärmepumpe passender dimensionieren. Aber bitte die Luftfeuchtigkeit im Auge behalten, damit kein Schimmel entsteht.
- „Kurzzeiträume“ wie Bad und Toilette heize ich bedarfsgerecht mit Elektroheizlüftern. Das ist schneller und sparsamer. Im Bad gibt es auch einen Luftentfeuchter.
- Dann messe und archiviere ich jede Menge Daten im und ums Haus: Wetterdaten und Energiedaten. Damit kann ich z. B. die Umstellung der alten Heizung auf eine Wärmepumpe vorbereiten und den zu erwartenden Stromverbrauch vorausberechnen.
Oder ich kann berechnen, ob sich z. B. dynamische Strompreise für mich lohnen würden.
Ich habe vor vielen Jahren eine Hausautomatisierung aufgebaut, die diese Daten über Jahre gesammelt hat. Jetzt stehen diese Daten aus fast zehn Jahren zur Verfügung, und ich kann diesen Schatz auswerten.
Je früher man mit dem Datensammeln anfängt, umso besser. Speicherplatz ist billig. - Das einfachste, billigste, aber wohl unpopulärste Experiment habe ich letzten Winter gemacht: Thermounterwäsche ermöglicht die Absenkung der Raumtemperatur auf 16 °C in meiner Wohnung. Bad und WC werden kurzzeitig mit einem Elektroheizlüfter höher geheizt.
Das alles hat überraschend gut geklappt. Es ist natürlich sehr speziell und sicher nicht jedermanns Sache. Die Luftfeuchtigkeit aller Räume wird bei mir natürlich gemessen und überwacht, um Schimmelbildung auszuschließen. Das ist Voraussetzung.
Können Sie Vor- und Nachteile aufzählen?
Generell: Auf Basis von Daten, Erfahrungen und Experimenten kann man besser entscheiden. Wer nicht misst und keine Daten hat, bleibt „blind“.
Aber man muss sich eben kümmern, Geld in die Hand nehmen und etwas starten. „Einfach mal machen“ kann man sich privat hier und da leisten – im großen Maßstab führt das allerdings in die Katastrophe. Dort muss sorgfältig geplant und gerechnet werden.
Wo lagen für Sie die Schwierigkeiten?
Ich informiere mich aus vielfältigen Quellen. Selber recherchieren, denken und rechnen, statt sich etwas erzählen zu lassen.
„Ad fontes“, wie schon Melanchthon sagte.
Das Internet ermöglicht heute einen schnellen Zugriff auf externe Daten, und die Daten im eigenen Haus sammle ich eben selbst. Dann folgt Denken und Rechnen – und etwas tun.
Glauben Sie, das könnten oder sollten noch mehr Menschen umsetzen?
Das hängt von der jeweiligen Situation ab.
- Die Reduktion privater Flugreisen und stattdessen Urlaub in unserer Gegend könnten wahrscheinlich viele Menschen umsetzen – wenn sie wollen.
- Das Absenken der Vorlauftemperatur können Hausbesitzer auch einmal testen. Man merkt dann schon, wo die Grenze ist, also in welchen Räumen oder bei welcher Temperatur. Natürlich muss man immer die Luftfeuchte im Blick behalten. Dann weiß man bei der Umstellung auf eine Wärmepumpe schon deutlich mehr.
- Hausbesitzer können sich auch überlegen, eine Photovoltaikanlage installieren zu lassen. Aber nur, wenn das Geld dazu vorhanden und frei ist. „Auf Kredit“ würde ich das nicht empfehlen.
- Eine richtige energetische Sanierung eines Altbaus ist oft leider sehr aufwendig. Da sollte man sich schon sicher sein, dass man noch lange in diesem Haus wohnen kann und wird, dass man den Job behält und die Sanierung auch finanzieren kann. Oder dass die Nachfahren das Haus dann auch wirklich übernehmen wollen und können. Die derzeitigen Diskussionen um die Erbschaftssteuer sind dabei sehr kontraproduktiv.
- Als Mieter oder Bewohner eines größeren Komplexes ist man wohl etwas limitierter. Andererseits muss man sich um weniger kümmern. Zumindest kann man die Raumtemperatur etwas absenken und die Stromfresser ermitteln. Braucht man z. B. den Gefrierschrank wirklich?
- Das 16-°C-Experiment mit Thermounterwäsche könnten viele machen, aber wahrscheinlich möchte das fast niemand – was ich auch verstehe. Wie gesagt: sehr speziell, aber auch sehr interessant. Die Luftfeuchtigkeit aller Räume muss man natürlich im Blick behalten, um Schimmelgefahren auszuschließen.
Würden Sie Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen mit anderen Bürgerinnen und Bürgern teilen und für persönliche Fragen zur Verfügung stehen (direkt oder indirekt)?
Wenn sich jemand dafür interessiert und passende Voraussetzungen hat: gerne.
Viele Menschen wollen nachhaltiger leben, scheitern aber an Alltagsproblemen. Wie kann das überwunden werden?
Das Gute ist: Nachhaltigkeit spart sehr oft auch Kosten. Deshalb sind die meisten Möglichkeiten schon bekannt und werden auch schon häufig umgesetzt.
- Bei der Mobilität ist die Fahrt zum Arbeitsplatz eine Realität, der man sich stellen muss. Nicht jeder hat das Glück, im Ort arbeiten zu können oder eine gute Bahnverbindung zu haben. In manchen Fällen kann man durch Homeoffice einige Fahrten reduzieren, in anderen Fällen geht das leider gar nicht.
- Wer regelmäßige Arbeitszeiten hat, kann vielleicht auch Fahrgemeinschaften bilden.
- Wenn man Glück hat, kann man die Strecken mit dem Rad oder dem ÖPNV überwinden. Aber verallgemeinern kann man das halt nicht.
- Bei der Heizung kann jeder einmal testen, ob ein oder zwei Grad weniger und ein Pullover auch gehen.
- Und man kann Kleidung und Gerätschaften einfach länger nutzen. Man braucht nicht immer etwas Neues.
Was würden Sie sich als Nächstes von der Gemeinde bezüglich Klimaschutz wünschen?
Meiner Meinung nach könnte der Gemeinderat den Verzicht auf Anschluss- und Benutzungszwang nach § 11 der Gemeindeordnung beschließen und erklären. Damit hätte jeder einen dokumentierten Investitionsschutz, z. B. für seine Wärmepumpenlösung. Ich denke, da würde man sich auch nichts vergeben.
Der derzeitige „Energieplan (aus 2022?)“ sieht z. B. in „meiner“ Wohnstraße ein Nahwärmenetz vor, soweit ich das sehe (S. 26). Das macht nach meinen bisherigen Recherchen für Malsch wenig Sinn.
- Wir haben hier kaum Wohnblöcke, bei denen man mit einem Anschluss sehr viele Wohnungen versorgen könnte.
- Die Installations- und Betriebskosten würden für die meisten Malscher höchstwahrscheinlich höher sein als bei individuellen Lösungen mit Wärmepumpen. Man kann ja auch erst einmal mit Split-Klimaanlagen einzelne Räume heizen und so stückweise vorgehen.
- Mit individuellen Lösungen muss man nicht die Straßen aufreißen. Außerdem kann man die Vorlauftemperatur auf den Bedarf der individuellen Gebäude und Bewohner abstimmen und damit den Wirkungsgrad der einzelnen Wärmepumpen erhöhen.
In einem Verbundnetz wird das schwieriger, da die Temperaturen recht starr festgelegt sind. Schließlich müssen sie auch für die schwierigen Fälle passen. - Schauen Sie sich einfach einmal die Endkundenpreise für Anschluss und Betrieb von Fernwärme in verschiedenen Städten an, z. B. Rastatt oder Karlsruhe. Ich finde das teuer. Der Wirkungsgrad ist schlecht, besonders im Sommer, dazu kommen Monopole und Bürokratie, soweit ich das gesehen habe. Nein, danke!
- Die „alten“ Fernwärmenetze haben meist irgendwo noch fossile Kessel. Das ist bei der Großwärmepumpe in Stuttgart-Münster so und auch bei der Flusswasserwärmepumpe in Mannheim – selbst bei der zweiten, deutlich größeren Anlage. Und davon wollen wir weg.
Vor etwa zwölf Jahren hätte ich mir PV-Anlagen auf den Baggerseen gewünscht. Ich fürchte, dass dies jetzt an den künftigen beihilferechtlichen Genehmigungen durch die EU scheitern wird. Es ist wohl zu spät und kaum noch wirtschaftlich umsetzbar. Die BEG Durmersheim wartet beim Stürmlinger See ebenfalls noch ab.
Ähnlich sieht es wohl auch mit Windkraft in unserer Region aus, wie das Beispiel Bruchsal zeigt. Dort ist der Projektentwickler wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit abgesprungen.
Möchten Sie noch ein paar Worte an Ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger richten?
Malsch hat viele Vorteile: Wir haben die wichtigsten Geschäfte und Infrastruktur im Ort, wir können vieles fußläufig oder mit dem Rad erreichen. Und wir leben in einer sehr schönen Region.
Der Straßenverkehr ist moderat. Malsch hat eine gute Größe und ein gutes Miteinander. Gemeindeverwaltung, Bürgermeister und Gemeinderat sind „nahbar“ und ansprechbar.
Wer längere Zeit in Ballungsräumen oder Großstädten gelebt hat, weiß das alles zu schätzen. Und wenn wir Malscher jammern, dann auf hohem Niveau. Manchmal vergessen wir das halt.
Bitte noch eine Schnellschussrunde: Was sagen Sie zu folgenden Aussagen? „Auf dem Land braucht man ein Auto.“
Oft ja, z. B. für den Weg zur Arbeit. Innerhalb von Malsch und der näheren Umgebung kann man auch gut mit dem Rad, Pedelec oder zu Fuß unterwegs sein oder den Shuttlebus nutzen.
„Fahrradfahren ist schlecht für unsere Wirtschaft!“
Das glaube ich nicht. Ein modernes Pedelec kostet heute so viel wie ein Gebrauchtwagen – obwohl es viel weniger Teile hat und einfacher aufgebaut ist.
„Wir retten hier die Welt auch nicht.“
Das ist leider immer so. Ein einzelner Staat, ein einzelner Ort, eine einzelne Person kann die Welt nicht retten.
Aber das entbindet uns nicht von der Verantwortung, unseren Teil dazu beizutragen – aber bitte mit Augenmaß und freiwillig.
Allerdings sollten wir auch nicht unsere Industrie ruinieren oder vertreiben. Denn sie ist schließlich die Basis für unseren Wohlstand und den sozialen Frieden.
„Mit dem Fahrrad durch Malsch zu fahren ist doch viel zu gefährlich.“
Das finde ich nicht. Der Straßenverkehr ist moderat, und wir leben hier ein gutes Miteinander.
Die meisten Autofahrer sind auch mal Radfahrer oder Fußgänger und umgekehrt. Wir kennen die Perspektive des anderen und verhalten uns rücksichtsvoll – meistens.
Aber Radfahren ist natürlich generell gefährlicher als Autofahren. Das kann man schon an der Statistik der Alleinunfälle ablesen. Also: immer vorsichtig und mit Helm fahren.
„Klimaschutz ist nicht nur Pflicht, sondern auch eine große wirtschaftliche Chance – gerade für Deutschland und Europa.“
Ich wünschte, ich könnte die Chancen ähnlich positiv einschätzen wie Sie. Können Sie das mit Beispielen und Zahlen erläutern?
Meine Berechnungen deuten leider in eine andere Richtung – zumindest für die energieintensive Grundstoffindustrie wie Düngemittel, Stahl, Chemie, vielleicht auch Zement.
Deutschland hat geografische Nachteile, die uns leider Grenzen bei der Erzeugung erneuerbarer Energien setzen. Äquatornähere Regionen und Länder mit langen Küstenlinien haben hier deutliche Vorteile.
Diese Länder können erneuerbare Energien mit besserer Auslastung (Kapazitätsfaktoren) und damit wesentlich günstiger erzeugen.
Ich habe einmal die PV-Erträge von Abu Dhabi im Winter mit denen von Regensburg verglichen. Abu Dhabi hat im Winter etwa den siebenfachen Ertrag, einen um Faktor 40 höheren täglichen Mindestertrag und eine um Faktor 35 kleinere relative Schwankungsbreite.
Man kann dort also deutlich mehr und günstiger erneuerbare Energie erzeugen und benötigt wesentlich weniger Speicher.
Selbst wenn man in Deutschland einen um 40 % besseren Standort fände (vielleicht auf dem Feldberg?), wäre man in Abu Dhabi im Winter immer noch um Faktor 5 besser dran. Selbst Faktor 2 oder 3 in anderen Ländern wäre noch deutlich.
In Namibia bei Lüderitz wird gerade ein Windpark gebaut. Dort weht der Wind so stark, dass man nicht einmal einen Großkran aufstellen kann. Die Betreiber rechnen mit 5.000 Volllaststunden im Jahr. Das ist gut doppelt so viel, wie wir hier in der Gegend bekommen können.
Wer also sehr viel günstige erneuerbare Energie benötigt, wird wohl Deutschland früher oder später verlassen.
(Sie können die PV-Berechnung mit PVGIS unter „hourly data“ nachvollziehen. Dort werden weltweite Solareinstrahlungen auf Basis von Satellitendaten für 2005 bis 2023 bereitgestellt.)
Und die ‚grüne‘ CO₂-arme Energieform, die uns ähnlich geringe Kosten beschert hatte, waren unsere ‚alten‘ abbezahlten Kernkraftwerke.
Und die haben wir in der Hälfte ihrer Laufzeit abgeschaltet und zunächst durch Kohle und Gas ersetzt. Zwischen 1998 und heute wurden 14 Kohlekraftwerke genehmigt und gebaut. Und der Atomausstieg hat Nord Stream massiv gepusht.
Und der Hauptgrund für die Energiewende ist doch die Senkung der CO₂-Last. Das ist doch die wichtigste Zahl!
Angefangen beim Strom, denn wir wollen ja möglichst viel elektrifizieren.
Jetzt hat der deutsche Strom im Jahresmittel etwa zehnmal so viel CO₂-Last wie der unserer französischen Nachbarn (340 g CO₂/kWh vs. 31 g CO₂/kWh).
Wer macht also die bessere Energiewende?
Die unabhängige Stahlindustrie wie ArcelorMittal hat sich diese Frage schon beantwortet. ArcelorMittal wird die deutschen Standorte zurückfahren und baut stattdessen die neuen Elektrolichtbogenöfen in Frankreich.
Vielen Dank für das Interview!
Immer wieder gerne, vielen Dank für das nette Gespräch! Hat Spaß gemacht.
